Kaum ein Heiliger wird im Alpenraum mehr verehrt als St. Leonhard, den man früher auch den „Bauernherrgott“ nannte und der heute als Beschützer der Bauern und als Patron der Pferde und des bäuerlichen Viehs firmiert. Fast jeder Ort, jede Gemeinde in Oberbayern bittet den wohl wichtigsten Mann im Freistaat im Herbst um Beistand. In Kreuth pflegt man den guten Draht zu ihm schon seit 1442: Die wohl älteste Leonhardifahrt der gesamten Region setzt sich hier am 6. November in Bewegung. Um Viertel nach neun zieht die bunte Schar aus 400 Trachtlern, Musikanten und Schützen hinauf zur Leonhardikirche.
Die Truhenwagen und herausgeputzten Pferde sind in Kreuth nicht von Anfang an dabei, sondern warten oben an der Kirche. Nach dem Gottesdienst (Beginn: 9:30 Uhr) folgt dann das, was die Leonhardifahrten so einzigartig macht: Der Tross aus Rössern, Reitern und Wagen ruckelt in weiten Runden um die Kirche. Auf den festlich geschmückten Wagen beten die Menschen „Heiliger Leonhard, bitt’ für uns“. Damals wie heute soll er Vieh und Pferde vor Krankheiten bewahren, die Ställe behüten und die Bauern vor wirtschaftlicher Not beschützen.
In Bad Tölz sind es die Kirchenglocken, die das fromme Spektakel am Montag, den 7. November, einläuten. Um Punkt 9 Uhr rollen rund 70 Gespanne in fester Reihenfolge vom Ortskern aus über den steilen, kurvigen Weg auf den Kalvarienberg zur Kirche. 1000 Pferdehufe klappern einen wilden Rhythmus auf das Pflaster, während die Gläubigen auf den Wagen still um Beistand des Patrons flehen. Nach der Leonhardifahrt wird es im Tölzer Ortskern noch einmal laut. Dann lassen die Burschen beim traditionellen Leonhardi-Dreschen die Peitschen auf das Kopfsteinpflaster knallen. Je lauter, desto besser: Der Lärm soll böse Geister vertreiben. Mit jährlich rund 20.000 Zuschauern gilt die Tölzer Wallfahrt als größte in Oberbayern.
Viele Besucher lassen sich die prächtige Fahrt am 6. November nicht entgehen, die ins nahe gelegene Benediktbeuern lockt. Mit seinem fast 1250 Jahre alten Benediktinerkloster könnte die Kulisse hier kaum faszinierender sein. 55 mit Blumen geschmückte und bemalte Gespanne rollen um 9 Uhr in den Innenhof des sakralen Prunkbaus. Bevor die Gläubigen unter den kunstvollen, barocken Deckenfresken der Basilika beten, empfangen die rund 250 Rösser und ihre stolzen Reiter den Segen.
Auf weiter Flur wird in Murnau am Staffelsee gesegnet. Rund um
die kleine Rokokokapelle scharen sich am 6. November über 350 edle Vierbeiner, 60 Festwagen und acht Kutschen – und bilden damit die zweitgrößte Wallfahrt in Oberbayern. Von weit her reisen Gläubige an und bewundern den traditionsreichen Tross. Viele kommen schon vorher, um am 30. Oktober in Unterammergau den Leonhardiritt zu erleben. Hier reihen sich auch mehrere Blaskapellen in den Zug ein, der um 9 :45 Uhr von der katholischen Pfarrkirche aus zum ältesten Gotteshaus im Ammertal zieht, das über der sanften Berglandschaft der Zugspitz-Region thront.
Gesellig enden auch die kleinen, aber feinen Prozessionen in der Alpenregion Tegernsee-Schliersee, wo sich am 5. November um 9:15 Uhr in Fischbachau-Hundham die Leonhardifahrt in Bewegung setzt. Und im nahe gelegenen Schliersee stellt sich am 6. November um 9 Uhr ein frommer Festzug auf. Nicht weniger sehenswert als die kostbaren Trachten und verzierten Wagen ist die Strecke selbst: Am Ufer des idyllischen Sees entlang geht es zur Leonhardikirche in Fischhausen.
Auch im Münchner Umland wird um die Gunst des heiligen Leonhard gebetet. In der Region um Fürstenfeldbruck wütete 1743 eine Viehseuche. Die Bevölkerung bat den Heiligen um Hilfe und gelobte ein jährliches Votivamt. Schon damals wurde von Ritten um die Leonhard geweihte Kapelle berichtet, wo bis heute dem Heiligen gehuldigt wird. 15 Festwagen, rund 200 Pferde, zehn Kutschen, ein Ochsengespann sowie Blaskapellen, Spielmannszüge, und Vereine versammeln sich am 29. Oktober in unmittelbarer Nähe der Kirche im Zentrum von Fürstenfeldbruck. Nach dem Votivamt um 13:30 Uhr und der Segnung der Pferde setzt sich der bunte Zug langsam in Richtung Innenstadt in Bewegung.
Besonders kunstvolles Brauchtum können Besucher am 6. November ab 9 Uhr am Ammersee bewundern. Der Uttinger Leonhardiritt ist für seine außergewöhnlich bemalten Wagen bekannt, die Szenen aus der Bibel und Stationen aus dem Leben etlicher Heiliger zeigen. Und das schon seit dem 18. Jahrhundert.
Auskünfte:
Tourist-Information Kreuth, Tel.: 08029/1819, www.kreuth.de
Tourist-Information Bad Tölz, Tel.: 08041/7867-0, www.bad-toelz.de
Gästeinformation Benediktbeuern, Tel.: 08857/248, www.benediktbeuern.de
Tourist Information Murnau, Tel.: 08841/476-0, www.murnau.de
Gäste-Information Schliersee, Tel.: 08026/6065-0, www.schliersee.de
Tourismusbüro Fischbachau, Tel.: 08028/876, www.fischbachau.de
Tourist-Information Unterammergau, Tel.: 08822/6400, www.unterammergau.de
Stadtmarketing/Kultur Fürstenfeldbruck, Tel.: 08141/281-1400, www.fuerstenfeldbruck.de
Verkehrsamt Utting a. Ammersee, Tel.: 08806/9202-13, www.utting.de
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